Olympia - ein Rückblick (II)
III. St. Louis, 1904: Hauen und Stechen
Wieder eine "World's Fair", eine Weltausstellung, diesmal in St. Louis, erneut gehen die Olympischen Spiele unter. Höhepunkt sind wieder die Wettkämpfe der Leichtathletik. Während „Gummimensch“ Ray Ewry seine Erfolge von vor vier Jahren wiederholt, tut sich im 200-Meter-Finale Erstaunliches. Wegen ihrer Fehlstarts müssen Archie Hahns Gegner nämlich mit einem Rückstand ins Rennen gehen; kein Wunder, dass Hahn, ohnehin der Schnellste aller Teilnehmer, den Wettkampf souverän gewinnt. Ähnlich dramatisch geht es beim Lauf über die doppelte Distanz zur Sache. Obwohl dreizehn Läufer gemeldet haben, wird aus unerfindlichen Gründen auf Vorläufe verzichtet. Nach einem wahren Hauen und Stechen behält am Ende Henry Hillmann in 49,2 Sekunden die Oberhand.
Derweil liefern die Herren Lorz und Hicks im Marathonlauf ein wahres Schurkenstück ab. Während der eine, Lorz, ein Stück des Weges mit dem Auto zurücklegt, kämpft der andere, Hicks, unterwegs mit Strychnintabletten gegen seine Schwächeanfälle. Während der siegreiche Lorz später wegen versuchten Betrugs lebenslänglich gesperrt wird, darf sich Hicks als Goldmedaillengewinner feiern lassen. So richtig freuen kann er sich allerdings nicht, liegt er doch mit einer Vergiftung im Krankenhaus.
IV. London, 1908: Als die Bilder laufen lernten
Das Bild geht um die Welt: Der Italiener Dorando Pietri schleppt sich im Marathonlauf mit letzter Kraft der Ziellinie entgegen, er taumelt, zieht das linke Bein nach, ganz wie ein Betrunkener, fast meint man, die Leichenblässe auf seinem Gesicht zu erkennen. Links und rechts von Pietri laufen zwei Funktionäre neben ihm her. Der eine, ein schnurrbärtiger mit gewaltigen Megafon in der Rechten, stützt den Italiener mit der linken Hand, der andere, eine Ballonmütze auf dem Kopf, will ihm wohl ebenfalls helfen, man weiß es aber nicht so genau. Ihre Hilfe ist gegen die Regel, Pietri, der als Erster ins Ziel stürzt, wird später disqualifiziert.
Noch ein zweites Foto bleibt in Erinnerung: Man sieht einen Mann elegant eine Hürde überqueren, ein Buch in der Linken. Der Name des Läufers ist bekannt, wie aber heißt das Buch, das der Theologiestudent Forrest Smithson mit sich führt? Die Bibel meinen die einen, eine Abenteuergeschichte um Sherlock Homes die anderen. Wahrscheinlich ist das Foto aber für die Kamera gestellt worden. Den Endlauf über 100-Meter-Hürden bestreitet Smithson jedenfalls ohne Buch; in 15,0 Sekunden stellt er einen neuen Weltrekord auf.
Im Oktober feiert auch der Wintersport seine Premiere. Vierzehn Männer und sieben Frauen treten im Eiskunstlauf an, darunter auch der große Ulrich Salchow. Die Frage nach dem Sieger muss deshalb gar nicht erst gestellt werden.
V. Stockholm, 1912: Der größte Athlet der Welt
Wieder tritt einer der ganz Großen in Erscheinung, Jim Thorpe, ein Naturtalent, wie es die Welt vorher noch nicht gesehen hat. Nach Thorpes Erfolgen im Fünf- und Zehnkampf weiß auch König Gustav V. von Schweden, wer ihm da bei der Medaillenvergabe gegenübersteht. "Sir", sagt der König ehrfurchtsvoll, "Sie sind der größte Athlet der Welt." Doch welk ist aller Lorbeer: Wie der Journalist Ray Johnson später nämlich nachweist, hat Thorpe als Baseballspieler einst die Summe von etwa sechzig Dollar erhalten und mithin seinen Status als Amateur verloren. Die Gewaltigen des IOC erklären ihn daraufhin zur Unperson, seine Medaillen muss er zurückgeben. Zu seinen Lebzeiten wird Thorpe, der 1953 stirbt, nicht mehr rehabilitiert. Erst 1982, siebzig Jahre nach seinen triumphalen Erfolgen, nimmt das IOC den Indianer vom Stamme der Sac Fox wieder mit allen Ehren in die Olympische Familie auf. In einer Feierstunde überreicht der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch Thorpes Kindern die beiden Goldmedaillen.
Auf Betreiben Baron de Coubertins ist eine neue Sportart eingeführt worden. Der Sieger des Modernen Fünfkampfs, Gustav Lillihöök aus Schweden, ist bald vergessen; wie anders der Fünfte dagegen, George S. Patton, der als Weltkriegsgeneral einmal Ruhm und Ehren erringen wird.
























Letzte Kommentare