Melodram in Kilians Kinopalast
Kino-Erinnerungen an einen alten englischen Spielfilm
Frankfurt am Main: Sachsenhausen in den frühen Fünfziger Jahren, zwei Kinos gibt es damals in diesem Frankfurter Stadtteil: das Harmonie am Lokalbahnhof, das heute noch existiert, und die Lichtspiele in der Wallstraße, in der Nähe des Äppelwoi- oder auch Ebbelwei-Viertels. Von den Insidern wird das Kino nach dem graumelierten Besitzer, der meist selbst an der Kasse sitzt, Billets verkauft und abreisst, auch „Ki-Ki-Pa“ genannt (Kilians Kino-Palast), aber ein Palast ist es wahrlich nicht, vielmehr ein schmales Handtuch, weniger als 200 Sitzplätze, an der rechten Seite bullert im Winter ein mit Kohle oder Briketts betriebener Ofen – und weil die Filme vom Vorführer mit Rückprojektion von hinten auf die Leinwand geworfen, und von einem Spiegel umgelenkt werden, geht auch einiges an Leuchtkraft verloren. Die Streifen wirken meist etwas düsterer als in anderen Lichtspielhäusern, aber das macht die Schwarz-Weiß-Dramen irgendwie noch intensiver, noch spannender.
Viele englische Filme werden vor und nach der Währungsreform von 1948 in den Besatzungszonen oder danach in der noch jungen Bundesrepublik gezeigt. Die Darsteller von der Insel heißen James Mason, Margret Lockwood, Phyllis Calvert, Stewart Granger. Manche von ihnen werden später in den USA zu Stars. Eine der großen Produktionsfirmen in London sind die Gainsborough Studios, heute längt abgerissen und zu einem Wohnviertel geworden. Meistens tritt die Rank Organisation als Verleiher auf, ein beeindruckendes Firmenzeichen läutet stets den Beginn des Films ein: ein muskulöser Mann mit nackten Oberkörper schlägt in zeitlupenhaftem Tempo auf einen gewaltigen Gong; die Zuschauer werden in Spannung und Erwartung auf die kommenden 90 Minuten versetzt. Die Wirkung auf das Publikum im Saal ist außerordentlich stark; nur der brüllende MGM-Löwe aus dem fernen Hollywood kann da noch mithalten.
Auch in Kilians Kinopalast flimmern in dieser Zeit viele englische Streifen über die winzige Leinwand. Erinnerungen werden wach: Der Herr in Grau läuft hier, Gaslicht und Schatten findet seinen Weg in die Wall-Lichtspiele, auch Die Frau ohne Herz ist zu sehen, Paganini und Gefährliche Reise, irgendwann die Cornwall Rhapsodie, so eine Art Rosamunde Pilcher der Vergangenheit. Nicht zu vergessen die Madonna der sieben Monde, damals der kassenträchtigste englische Film. Ein Melodram mit dem jungen, dicht gelockten Stewart Granger, der einem jüngeren deutschen Publikum aus den späteren deutschen Karl-May-Filmen in Erinenrung geblieben sein dürfte...
Der Film rattert durch die Vorführmaschine. Eine Frau namens Maddalena (Phyllis Calvert) leidet an einer zeitweiligen Bewusstseinsspaltung. Einerseits ist sie die Frau des gut betuchten Weinhändlers Giuseppe Labardi (John Stuart), in ihrem zweiten Leben als Rosanna die Geliebte des Florentiner Bandenführers Nino Barucci (Stewart Granger), mit dem sie zeitweise ein verborgenes Doppelleben im Haus der sieben Monde führt. Manches bleibt unklar und dem Zuschauer verborgen, aber wer fragt im Kino schon nach logischen und korrekten Zusammenhängen.
Ein Rührstück zweifellos, über das heute wahrscheinlich viele schmunzeln werden, großes Kino ist es gewiss nicht, aber Inhalte dieser Art gibt es auch heute noch, nur eben in glanzvollerer Verpackung. Moderne Versionen eben. Alles hat eben seine Zeit. Bei Amazon und anderen wird eine DVD des Fims angepriesen, zum Spottpreis, der zufällige Blick auf dieses Angebot hat die Erinnerung wach gerufen an eine längst vergangene Kinozeit mit der Madonna der sieben Monde.
(Erich Stör)



















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