Dubliners
Mit Joyce ist das immer so eine Sache. Manche lieben ihn, vielen ist er egal, wieder andere finden ihn einfach nur überkandidelt. Was soll man aber auch von einem Menschen halten, der so Sachen schreibt wie Ulysses oder Finnegans Wake, Bücher also, die kein Mensch heutzutage mehr liest? Oder stimmt dieses Verdikt vielleicht gar nicht?
Nun, Ulysses dürfte wohl noch immer seine Leser finden, wenn sicherlich auch nur sehr wenige. Schlechter steht es freilich um Finnegans Wake, jenes Werk, das nur lesen sollte, wer sich gerne sein Gehirn verbrezeln lassen will. Trotzdem, psst, soll es doch tatsächlich Verrückte geben, die das Buch von vorne bis hinten gelesen haben, in toto. Schwer zu glauben, aber möglich ist ja alles. Von Thornton Wilder hieß es sogar, er habe das Buch verstanden, als einziger Mensch auf der Welt wahrscheinlich. Aber nee, Finnegans Wake braucht wirklich keiner zu lesen, da fällt man nur irgendwann tot um.
Aber Joyce, das heißt eben nicht nur Ulysses oder Finnegans Wake, Joyce, das heißt auch Dubliners, jene Sammlung von fünfzehn Kurzgeschichten, mit der jede Joyce-Lektüre beginnen sollte. Das wusste natürlich auch die Combo, die sich erst nach jenem Kompendium benannt und danach die irische Folkmusik neu definiert hat. Ohne Joyce also keine Dubliners (Novellensammlung), ohne Dubliners (Novellensammlung) keine Dubliners (Folkband), ohne Dubliners (Folkband) keine Neudefinition der irischen Folkmusik.
Die Geschichten von Joyces Dubliners, an dieser Stelle sei es rasch vermerkt, entstanden übrigens in den Jahren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, da Joyce gerade aus Liebe zu seiner Heimatstadt nach Kontinentaleuropa geflohen war. Am 11. Oktober 1904 in Zürich angekommen, musste er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass ihm die hiesige Berlitzschule keine Stelle anbieten konnte, woraufhin ihn der Direktor nach Triest sandte, wo er, nach einem Zwischenaufenthalt in Pola, ab März 1905 endlich arbeiten konnte. Obwohl Joyce schon im selben Jahr zwölf Erzählungen beendet hatte, sollte es noch neun Jahre dauern, bis die Dubliners endlich veröffentlicht wurden.
"Das Buch ist keine Sammlung von Reiseeindrücken, sondern der Versuch, gewisse Aspekte des Lebens in einer der europäischen Hauptstädte darzustellen."
So äußerte sich Joyce einmal William Heinemann gegenüber (Brief vom 23. September 1905). In einem anderen Brief (23. Juni 1906) an seinen späteren Verleger Grant Richards, mit dem er lange um die Veröffentlichung rang, nahm er kein Blatt vor den Mund:
"Es ist nicht meine Schuld, dass meinen Erzählungen der Geruch von Müllgruben und alten Witwenkleidern anhängt. Ich glaube allen Ernstes, dass Sie den Fortgang der Zivilisation in Irland verzögern, wenn Sie das irische Volk daran hindern, sich selbst in meinem blankgeputzten Spiegel gründlich zu betrachten."
Wer den frühen (und vielleicht einzig lesbaren) Joyce gerne einmal kennen lernen möchte, dem sei die neue MP3-CD aus dem Hause Bertz + Fischer ans Herz gelegt. Joyce im Original, vorgelesen von einem professionellen Vorleser – das ist mal ein ganz neues Erlebnis. Die Lesung des Theaterschauspielers Ralph Cosham ist, das darf durchaus mal gesagt werden, ein einzigartiger Genuss von knapp sechsstündiger Dauer. Besonders sei übrigens auf jene Erzählung hingewiesen, die der Rezensent für eine der schönsten Stücke irischer Literatur zählt, weshalb er sie sich gleich noch ein zweites Mal angehört hat.
Gemeint ist natürlich die Geschichte von den Toten (The Dead) die mit jenem Satz beginnt, der aufgrund einer Merkwürdigkeit für alle Zeiten wohl unvergesslich bleiben wird:
"LILY, the caretaker's daughter, was literally run off her feet."
Was kann Joyce denn nur gemeint haben, als er davon schrieb, dass Lily, die Tochter des Verwalters, 'buchstäblich' sich die Beine habe ablaufen müssen? Das kann ja nicht stimmen, ihre Beine hat Lily doch behalten. Hat Joyce also, was ja erfreulich wäre, einen Fehler gemacht – und das im ersten Satz? Kaum zu glauben. Nein, Joyce hat wohl dem Volk aufs Maul geschaut, und das Volk redet glücklicherweise, wenn auch zum Verdruss mancher Sprachpedanten, eben nicht immer so wie ein Wörterbuch.
Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.








Muss man Augustinus gelesen haben, Bernanos, Kierkegaard oder Theodor Haecker gar? Sind ihre ethisch-theoretischen Ansichten zu Themen wie der Welt des Seins und zur göttlichen Gnade wichtig für uns, spielen ihre religiös-philosophischen Gedanken zur dialektischen Theologie oder zum Existenzialismus irgendeine Rolle für unser Wohlergehen? Das mag jeder für sich selbst entschieden. Für die Mitglieder der Weißen Rose stellte sich diese Frage freilich nicht; für sie hatten diese Denker fast so etwas wie lebensnotwendige Bedeutung, sind ihre Bücher es doch gewesen, an denen sie während der Nazizeit ihren Geist schulen konnten.















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