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09. Februar 10

Geburtstag: Alban Berg, Komponist (1885)
Todestag: Karl Valentin, Komödiant (1948)
Heiliger des Tages: Apollonia, Jungfrau (Patronin der Zahnärzte)
Weiteres zum Tage: Im Vatikanstaat wird die Republik ausgerufen (1849)

Zitat des Tages
"Fremd ist der Fremde nur in der Fremde."

KARL VALENTIN
'Die Fremden' (Dialog aus dem Jahr 1940, u.a. in: Das Beste von Karl Valentin, herausgegeben von Elisabeth Veit, München 2002, Seiten 36 bis 38)

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7 posts categorized "Rezensionen"

18. August 09

Dubliners

Dubliners Mit Joyce ist das immer so eine Sache. Manche lieben ihn, vielen ist er egal, wieder andere finden ihn einfach nur überkandidelt. Was soll man aber auch von einem Menschen halten, der so Sachen schreibt wie Ulysses oder Finnegans Wake, Bücher also, die kein Mensch heutzutage mehr liest? Oder stimmt dieses Verdikt vielleicht gar nicht?

Nun, Ulysses dürfte wohl noch immer seine Leser finden, wenn sicherlich auch nur sehr wenige. Schlechter steht es freilich um Finnegans Wake, jenes Werk, das nur lesen sollte, wer sich gerne sein Gehirn verbrezeln lassen will. Trotzdem, psst, soll es doch tatsächlich Verrückte geben, die das Buch von vorne bis hinten gelesen haben, in toto. Schwer zu glauben, aber möglich ist ja alles. Von Thornton Wilder hieß es sogar, er habe das Buch verstanden, als einziger Mensch auf der Welt wahrscheinlich. Aber nee, Finnegans Wake braucht wirklich keiner zu lesen, da fällt man nur irgendwann tot um.

Aber Joyce, das heißt eben nicht nur Ulysses oder Finnegans Wake, Joyce, das heißt auch Dubliners, jene Sammlung von fünfzehn Kurzgeschichten, mit der jede Joyce-Lektüre beginnen sollte. Das wusste natürlich auch die Combo, die sich erst nach jenem Kompendium benannt und danach die irische Folkmusik neu definiert hat. Ohne Joyce also keine Dubliners (Novellensammlung), ohne Dubliners (Novellensammlung) keine Dubliners (Folkband), ohne Dubliners (Folkband) keine Neudefinition der irischen Folkmusik.

Die Geschichten von Joyces Dubliners, an dieser Stelle sei es rasch vermerkt, entstanden übrigens in den Jahren Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, da Joyce gerade aus Liebe zu seiner Heimatstadt nach Kontinentaleuropa geflohen war. Am 11. Oktober 1904 in Zürich angekommen, musste er zu seinem Missvergnügen feststellen, dass ihm die hiesige Berlitzschule keine Stelle anbieten konnte, woraufhin ihn der Direktor nach Triest sandte, wo er, nach einem Zwischenaufenthalt in Pola, ab März 1905 endlich arbeiten konnte. Obwohl Joyce schon im selben Jahr zwölf Erzählungen beendet hatte, sollte es noch neun Jahre dauern, bis die Dubliners endlich veröffentlicht wurden.

"Das Buch ist keine Sammlung von Reiseeindrücken, sondern der Versuch, gewisse Aspekte des Lebens in einer der europäischen Hauptstädte darzustellen."

So äußerte sich Joyce einmal William Heinemann gegenüber (Brief vom 23. September 1905). In einem anderen Brief (23. Juni 1906) an seinen späteren Verleger Grant Richards, mit dem er lange um die Veröffentlichung rang, nahm er kein Blatt vor den Mund:

"Es ist nicht meine Schuld, dass meinen Erzählungen der Geruch von Müllgruben und alten Witwenkleidern anhängt. Ich glaube allen Ernstes, dass Sie den Fortgang der Zivilisation in Irland verzögern, wenn Sie das irische Volk daran hindern, sich selbst in meinem blankgeputzten Spiegel gründlich zu betrachten."

Wer den frühen (und vielleicht einzig lesbaren) Joyce gerne einmal kennen lernen möchte, dem sei die neue MP3-CD aus dem Hause Bertz + Fischer ans Herz gelegt. Joyce im Original, vorgelesen von einem professionellen Vorleser – das ist mal ein ganz neues Erlebnis. Die Lesung des Theaterschauspielers Ralph Cosham ist, das darf durchaus mal gesagt werden, ein einzigartiger Genuss von knapp sechsstündiger Dauer. Besonders sei übrigens auf jene Erzählung hingewiesen, die der Rezensent für eine der schönsten Stücke irischer Literatur zählt, weshalb er sie sich gleich noch ein zweites Mal angehört hat.

Gemeint ist natürlich die Geschichte von den Toten (The Dead) die mit jenem Satz beginnt, der aufgrund einer Merkwürdigkeit für alle Zeiten wohl unvergesslich bleiben wird:

"LILY, the caretaker's daughter, was literally run off her feet."

Was kann Joyce denn nur gemeint haben, als er davon schrieb, dass Lily, die Tochter des Verwalters, 'buchstäblich' sich die Beine habe ablaufen müssen? Das kann ja nicht stimmen, ihre Beine hat Lily doch behalten. Hat Joyce also, was ja erfreulich wäre, einen Fehler gemacht – und das im ersten Satz? Kaum zu glauben. Nein, Joyce hat wohl dem Volk aufs Maul geschaut, und das Volk redet glücklicherweise, wenn auch zum Verdruss mancher Sprachpedanten, eben nicht immer so wie ein Wörterbuch.

Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

03. Juli 09

Killshot

Killshot Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Eine so lange Zeit, dass man sich kaum noch daran erinnern kann, welche Bücher damals auf den Markt gebracht worden sind. Oder etwa doch? Killshot war ja darunter, einer jener Romane aus der Schmiede des US-amerikanischen Kriminalschriftstellers Elmore Leonard, der damals, in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, seine wohl kreativste Phase erlebte. 1987 erschien Bandits, später folgten noch Freaky Deaky (1988), Get Shorty (1990), Maximum Bob (1991) oder Rum Punch (1992). Und zwischendurch (1989) eben auch Killshot, das ein Jahr später unter dem Titel Beruf: Killer auch in Deutschland erstmals veröffentlicht wurde.

Killshot ist eine typische Gangstergeschichte, die vielleicht noch ein bisschen besser wäre, wenn Elmore die Figur des Profikillers Blackbird stärker in den Mittelpunkt gestellt hätte, ist es doch jener Halbindianer, der eigentlich Armand Degas heißt, der uns am meisten in den Bann zu ziehen vermag. Mehr jedenfalls als der psychopathische Ganove Richie Nix, der sich für seinen Überfall ausgerechnet Blackbird ausgesucht hat. Das kann eigentlich nicht gut gehen, tut es aber doch. Und warum? Weil Nix, die Waffe an der Stirn, den Tod vor Augen, die Chuzpe hat, Blackbird mit dem Gerede von einem gemeinsamen Coup den Mund wässrig zu machen. Zusammen wollen sie, der Kleinkriminelle und der Großkriminelle, den Immobilienmakler Nelson Davies erpressen. Doch als sie Davies in dessen Büro zwecks Einschüchterung aufsuchen wollen, ist der Makler gar nicht vor Ort; statt dessen finden sie nur den Stahlbauarbeiter Wayne Colson vor, der eines Vorstellungsgesprächs wegen im Büro herumlungert. Tatsächlich geht der Überfall schief, Colson prügelt die beiden Ganoven kräftig durch. So eine Schlappe kann man als Gangster freilich nicht auf sich sitzen lassen, Blackbird und Nix wollen deshalb Satisfaktion. Weil die Polizei ihn nicht länger beschützen kann, landet Colson schließlich zusammen mit seiner Ehefrau Carmen im staatlichen Zeugenschutzprogramm. Der Autor nutzt diese Gelegenheit, um eine knallharte Kritik an diesem System zu formulieren, das er manchmal subtil, manchmal weniger subtil ins Lächerliche zu ziehen versucht, bevor es am Schluss zum großen Finale kommt.

Wie schon mehrere Bücher Leonards zuvor (Get Shorty, Jackie Brown und andere), so ist auch Killshot inzwischen verfilmt worden. Mickey Rourke spielt darin den Blackbird, Diane Lane die Carmen Colson, für die Regie zeichnet John Madden, für die Produktion Quentin Tarantino verantwortlich. Aber ist denn eine Hollywood-Produktion überhaupt in der Lage, einen Roman auch halbwegs nur ansprechend abzubilden? Wohl kaum. Die Lektüre des literarischen Vorbilds ist auch in diesem Fall unbedingt zu empfehlen – wer nur den Film kennt, der kennt nur die halbe Wahrheit.

Wer aber einen Roman von mehr als 400 Seiten in allen seinen Facetten kennen lernen will, der sollte schon zum Original greifen, nicht aber zu einer Übersetzung, auch zur besten nicht. Doch man kennt das ja: Wann nimmt man schon mal einen dicken Wälzer zur Hand, der in einer Sprache geschrieben ist, die uns bei weitem nicht so geläufig ist wie unsere Muttersprache? Zum besseren Verständnis greifen wir deshalb gerne auf ein Hilfsmittel zurück, das uns den Zugang zur fremden Sprache wesentlich erleichtern kann: das Hörbuch. Umso erfreulicher also, dass der Verlag Bertz + Fischer dem deutschen Publikum jetzt den Originaltext auf einer handlichen mp3-CD zugänglich macht – und zwar in voller Länge, was heutzutage leider unüblich geworden zu sein scheint. 467 Minuten dauert die großartige Lesung, mit der uns der US-amerikanische Schauspieler Rider Strong auf wirklich beeindruckende Art in Elmore Leonards Welt von Killshot hineinzuziehen versteht. Fast acht Stunden also, acht Stunden aber, die sich wirklich lohnen.

Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

22. Juli 08

Romeo and Juliet / The Winter's Tale

Romeoandjuliet Am Ende sind beide tot, das ist bekannt. Doch wie kommt es dazu, was treibt Romeo und Julia in den Freitod? Diese Frage ist nicht ganz so leicht zu beantworten. Entwirren wir also den Handlungsfaden, den Shakespeare in seiner berühmten Tragödie spinnt. Das Unglück besteht zunächst einmal darin, dass die Familie des Romeo derjenigen Julias feindlich gesinnt ist. Doch wie das eben so ist mit Kindern, mit dem Hass der Alten haben sie nichts am Hut. In der Hoffnung, ihre Hochzeit könnte die Familien aussöhnen, lassen sich Romeo und Julia heimlich von Bruder Lorenzo trauen. Nachdem aber Romeo unversehens in einen Streit gerät und einen Vetter Julias ersticht, wird er aus der Stadt verbannt. Trotzdem bleibt er für die Hochzeitsnacht noch in Verona, trifft sich mit Julia, bevor er beim ersten Ton der Lerche nach Mantua flieht. Julias Einspruch, es sei die Nachtigall und nicht die Lerche, hilft ihr nicht viel – er muss trotzdem fort. Das ist alles nicht sehr schön, doch zu allem Überfluss hat in der Zwischenzeit auch noch ein Nebenbuhler um Julias Hand angehalten. Schlimmer noch: Die Eltern drängen auf eine Hochzeit. Was also tun? Bruder Lorenzo weiß Rat: Er gibt Julia einen Trunk, der sie in einen todesähnlichen Zustand versetzt. Kann Romeo, der von Bruder Markus über die Lage informiert werden soll, nun zum Helden werden, indem er die scheintote Julia aus der Familiengruft befreit? Leider nein, denn durch unglückliche Umstände bleibt ihm Bruder Lorenzos Plan verborgen. Auf dem Friedhof trifft Romeo unvermutet auf seinen Nebenbuhler, den er im Kampf ermordet. Danach vergiftet er sich, auf dass er im Tode mit seiner Julia vereint sei. Diese erwacht kurz danach, erblickt den toten Romeo und entleibt sich mit dem Dolche des Geliebten.

Das alles ist kein leichter Stoff, für Kinder und Jugendliche schon gleich gar nicht. Das wusste auch der englische Essayist Charles Lamb, der am 10. Februar 1775 in London geboren wurde und am 27. Dezember 1834 zu Edmonton verstarb. Zusammen mit seiner Schwester Mary (3. Dezember 1764 bis 20. Mai 1847), die ebenso wie ihr Bruder psychisch labil war und im Jahre 1796 in einem Anfall geistiger Umnachtung ihre Mutter mit einem Küchenmesser getötet hatte, machte er es sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zur Aufgabe, Shakespeare dem jungen Leser nahezubringen. Die Lambs taten dies, indem sie zwanzig Stücke Shakespeares zusammenfassten und in Prosa übertrugen. Die Hauptarbeit leistete dabei Mary, die fünfzehn der zwanzig Stücke bereitete. Herausgekommen sind dabei hervorragende Nacherzählungen, die, wie die Lambs in ihrem Vorwort zu den Tales from Shakespeare darlegen, als eine Art Einführung in das Werk des Dichters dienen sollen ("The following Tales are meant to be submitted to the young reader as an introduction to the study of Shakespeare [...]"). Wer sich also das erste Mal mit Shakespeare beschäftigt, ist bei den Lambs sehr gut aufgehoben.

Nun fällt es erfahrungsgemäß denjenigen, die eine Sprache nicht von klein auf gelernt haben, sehr viel schwerer, dem geschriebenen Wort zu folgen, als dem Muttersprachler. Das Lesen dauert länger, nicht jedes Wort wird sogleich verstanden, nicht jeder Satz sofort umgesetzt. Um das Verständnis zu erleichtern, ist uns deshalb jede Hilfe recht. Hier kommt das Hörbuch ins Spiel, das uns, so die Voraussetzungen stimmen, den Zugang zu einer fremden Sprache erheblich erleichtern kann. Zwei Aspekte spielen dabei eine besondere Rolle: Zum einen braucht es natürlich einen außergewöhnlichen Sprecher, der fähig ist, seine Hörer an die Hand zu nehmen, sie in den Bann zu ziehen, sie anzuregen und mitzureißen; doch was nützt das alles, wenn Originaltext und deutsche Übersetzung nicht nebenher mitgelesen werden können?

Bei den Produkten aus dem Hause Bertz + Fischer müssen wir uns darüber aber keine Gedanken machen, beide Voraussetzungen sind voll und ganz erfüllt. So auch in der neuen Reihe Get Shakespeare! Fast and Easy, die es dem Hörer dankenswerterweise möglich macht, die Bearbeitungen der Geschwister Lamb auch per Hörbuch zu studieren. Die CDs enthalten jeweils zwei Stücke im handlichen MP3-Format. Bisher liegen drei CDs vor, weitere sind in Vorbereitung. Hier beschäftigen wir uns mit der zweiten CD, die außer Romeo and Juliet auch das Spätwerk The Winter’s Tale (Ein Wintermärchen) enthält. Darin erzählt Shakespeare die Geschichte um Leontes, den König von Sizilien, der seine schwangere Gattin des Ehebruchs bezichtigt, sie inhaftieren und das Kind aussetzen lässt; doch was als Drama beginnt, nimmt schließlich ein glückliches Ende.

Außer den beiden Hörstücken, denen der Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler Sean Pratt mit seinem angenehm leichten Vortrag eine besondere Note verleiht, sind auf dem Datenträger auch sieben PDF-Dateien untergebracht:

  • Der Text der Lambs in Deutsch (übersetzt von Karl Heinrich Keck).
  • Der Text der Lambs in Englisch, der zudem Verweise auf die einzelnen Audiostücke enthält.
  • Shakespeares Originalstücke auf Englisch.
  • Die entsprechenden Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel (Romeo und Julia) und Dorothea Tieck (Ein Wintermärchen).
  • Eine Liste der Charaktere.
  • Zwei Essays von Thomas De Quincey zu Shakespeare und Charles Lamb.
  • Samuel Johnsons Preface to Shakespeare.

Shakespeare ist immer ein Genuss, in jeder Sprache. Doch den höchsten Genuss erzielt der Interessierte natürlich mit dem Studium des Originals. Das ist nicht immer ganz einfach, die Mühe aber jederzeit wert. Der erste Schritt auf dem Wege dorthin führt über die Bearbeitung der Geschwister Lamb. Wer diesen Schritt unternehmen will, dem sei die Hörbuchreihe Get Shakespeare! Fast and Easy des Verlags Bertz + Fischer hiermit ans Herz gelegt.

Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

21. Mai 08

Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit

Gutknecht_2 Wir kennen sie alle, die Dampfplauderer und Dummschwätzer, Klatschbasen und Schnatterliesen, die ohne Punkt und Komma daherreden, ohne auch nur ein einziges Mal über den Sinn dessen nachzudenken, was sie da eben gesagt haben. Seien wir doch mal ehrlich: Wer weiß schon, wovon er im eigentlichen Sinne spricht, wenn er Worte oder Begriffe verwendet, die im Lauf der Geschichte ihre Bedeutung so sehr geändert haben, dass ihr Gebrauch unangemessen oder gar falsch geworden ist?

Christoph Gutknecht hat sich in seinem Buch Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit (Verlag C. H. Beck) ebensolcher Begriffe angenommen, der "verrücktesten Wörter im Deutschen", wie es im Untertitel heißt. Um es noch einmal deutlich zu machen: Dem Professor für Englische Philologie und Linguistik ist es dabei keineswegs darum zu tun, besonders wundersame oder etymologisch kaum herzuleitende Begriffe darzustellen; vielmehr behandelt Gutknecht in seiner Untersuchung ausschließlich solche Wörter, die ihrer ursprünglichen Bedeutung verlustig gegangen und quasi wie ein Möbelstück ver-rückt worden sind.

Dass Gutknecht vornehmlich Politikern und Journalisten aufs Maul schaut, liegt durchaus auf der Hand. Da nämlich diese beiden Berufsgruppen den allgemeinen Sprachgebrauch quasi von Amts wegen in besonderem Maße prägen, sollten gerade sie, die Journalisten und Politiker, ausgesprochen sorgsam mit der Sprache umgehen. Nur leider tun sie das nicht immer, wie Gutknecht mit Hilfe zahlreicher Quellen ein ums andere Mal zu beweisen vermag. Als Streifzug durch die deutsche Sprach- und Kulturgeschichte ist das Buch deshalb ein Muss für jeden Freund der deutschen Sprache.

Das Buch ist in acht Kapiteln unterteilt, in denen sich Gutknecht jeweils mit einem anderen Thema auseinandersetzt:

  1. Politik und Presse (Seiten 16 bis 49)
  2. Die Gesellschaft – oben und unten (Seiten 50 bis 80)
  3. Zeitfaktoren (Seiten 81 bis 99)
  4. Sinn und Unsinn (Seiten 100 bis 117)
  5. Emotionen (Seiten 118 bis 129)
  6. Charaktere (Seiten 130 bis 156)
  7. Sprechen und Argumentieren (Seiten 157 bis 180)
  8. Metaphern aus der Küche (Seiten 181 bis 205)

Der kurze Anmerkungsapparat wird gefolgt von einem neunzehnseitigen Literaturverzeichnis, einem Personenregister und den Bildnachweisen, die immerhin einundzwanzig Fotos, Gemälden, Karikaturen und Zeichnungen umfassen, mit denen Gutknecht seinen Text illustriert. Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

25. Oktober 07

Harter Geist und weiches Herz

Weisse_rose Muss man Augustinus gelesen haben, Bernanos, Kierkegaard oder Theodor Haecker gar? Sind ihre ethisch-theoretischen Ansichten zu Themen wie der Welt des Seins und zur göttlichen Gnade wichtig für uns, spielen ihre religiös-philosophischen Gedanken zur dialektischen Theologie oder zum Existenzialismus irgendeine Rolle für unser Wohlergehen? Das mag jeder für sich selbst entschieden. Für die Mitglieder der Weißen Rose stellte sich diese Frage freilich nicht; für sie hatten diese Denker fast so etwas wie lebensnotwendige Bedeutung, sind ihre Bücher es doch gewesen, an denen sie während der Nazizeit ihren Geist schulen konnten.

Der Kreis um Alexander Schmorell und Hans Scholl hat in der Tat sehr viel gelesen, hat ständig sich zu bilden gesucht, hat miteinander diskutiert, konferiert und philosophiert. Bestens dargelegt wird dieser Aspekt in Barbara Ellermeiers Hörbuch Harter Geist und weiches Herz. Das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose, das der Verlag auditorium maximum jetzt auf den Markt gebracht hat. Wir hören dort also von Augustinus (13. November 354 bis 28. August 430), der für Sophie Scholl, wie bekannt, während ihrer Zeit im Reichsarbeitsdienstlager Krauchenwies zur unentbehrlichen Nachtlektüre wurde. Freilich erschließt sich dem heutigen Hörer nach wie vor nicht so ganz, aus welchem Antrieb heraus eine damals 20-Jährige so intensiv mit derart tief gehenden Fragen der Religion sich zu beschäftigen suchte. Dieses religiöse Erwachen ist für einen aufgeklärten Menschen von heute, für den Gott, wenn überhaupt, ganz weit weg zu sein scheint, nur sehr schwer zu begreifen. Eins wenigstens ist klar: Es kam Sophie Scholl sicher entgegen, dass Augustinus sich nicht so recht einer bestimmten Konfession zuordnen lässt. Wenn sie auch auf der Suche nach einem christlichen Gott war, so war sie dennoch nicht bereit, eine konfessionelle Bindung einzugehen.

Ziegler Bedeutender für den Kreis der Weißen Rose war jedoch die Begegnung mit katholischen Autoren wie Theodor Haecker oder Carl Muth. Dass diese Intellektuellen den Freundeskreis der Weißen Rose maßgeblich beeinflusst haben, steht außer Frage. Doch wie groß war dieser Einfluss in Bezug auf den eigentlichen Widerstand? Der dürfte eher gering ausfallen, zumal die ersten vier Flugblätter zum Zeitpunkt der allseits sehr geschätzten Leseabende längst geschrieben und verteilt waren. So fehlt in diesem Hörbuch leider ein Aspekt, der in der Literatur ohnehin zu kurz kommt: Der Einfluss Thomas Manns und der Feindsender auf die Weiße Rose. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang auf die Arbeit Dr. Armin Zieglers Thomas Mann und die Weiße Rose, die im Februar dieses Jahres im Crailsheimer Baierverlag erschienen ist.

Ohne Zweifel aber ist das Hörbuch ein äußerst gelungener Beitrag zur Weißen Rose. Wie oft wird schon versucht, den Kreis so weit zu ziehen, dass er von der Versandbuchhandlung Rieck in Aulendorf bis hin zu Gerhard Feuerle reicht, der außer in einer Darstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand kaum einmal erwähnt wird? Die Autorin hat hier sehr akribisch gearbeitet. Zudem hat sie dankenswerterweise darauf verzichtet, zu viel Augenmerk auf die letzten Tage zu legen. Dies haben andere schon zur Genüge getan. Hingewiesen sei zum Schluss auch auf das 28-seitige Beiheft, das teilweise wenig bekannte Bilder enthält und deshalb einen Blick auf jeden Fall lohnt.

Wer über das intellektuelle Umfeld der Weißen Rose mehr wissen will, dem sei das Hörbuch Harter Geist und weiches Herz ans Herz gelegt. Es stellt die geistig-kulturelle Welt, in der sich der Freundeskreis bewegte, sehr überzeugend dar. Eine bessere Einführung in diesen speziellen Themenkomplex ist derzeit wohl kaum erhältlich.

Das Rezensionsexemplar wurde uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt. Hörproben gibt es bei www.auditorium-maximum.de, dort kann das Hörbuch auch direkt bestellt werden. Jeder Bestellung liegen Postkarten bei.

27. Mai 05

Fritz Hartnagel und Sophie Scholl. Die Geschichte einer Liebe

Hartnagel Sophie Scholl ist in diesem Jahr in aller Munde. In aller? Nun ja, in aller sicher nicht, in vieler Munde bestimmt aber doch. Dies vor allem deshalb, weil da eine Bande unverfrorener Geister sich zusammengerottet und einen Film verbrochen hat, der eben von keiner Anderen handelt als von der oben erwähnten Frau Scholl.

Zwei Preise also hat dieses Machwerk bei der Berlinale abgesahnt, zwei Preise, von denen einer immerhin an die richtige Stelle gegangen ist, der zweite aber wohl unzweifelhaft fehlgegeben wurde. Und komme da keiner, der von mir verlange, offen auszurufen, welcher der beiden Preise nun derjenige sei, der an die falsche Adresse gegangen ist! Nein, das kann keiner, der klaren Verstandes ist, von mir verlangen – es ist ja zu offensichtlich (es hat ja seinen guten Grund, warum Julia Jentsch auch den Deutschen Filmpreis bekommen hat.)

Vergessen wir aber den Film, kümmern wir uns lieber um das Buch, um das es uns hier zu tun ist: Fritz Hartnagel und Sophie Scholl. Die Geschichte einer Liebe (Arche Verlag). Auch in diesem spielt Sophie Scholl eine gewichtige Rolle, wenn auch, zugegeben, nicht die vorrangigste. Zuvorderst geht es dem Autor Hermann Vinke nämlich um Fritz Hartnagel, um denjenigen also, der wohl, wie uns der Verlag aus verkaufsfördernden Gründen sogleich im Untertitel mitteilt, auf irgendeine Art und Weise mit Sophie liiert war; na klar: mit dem Namen "Fritz Hartnagel" alleine wäre für den Verlag ja nicht viel gewonnen, wird doch nicht jeder sofort wissen, um wen es sich denn da nun handelt. (Der ursprüngliche Titel lautete übrigens Fritz Hartnagel. Der Freund von Sophie Scholl.)

Der Freund von Sophie Scholl war er, der Fritz, auch wenn Inge Jens einst (im Kommentar zu Sophies erstem Brief in den Briefen und Aufzeichnungen) doch etwas etepetete davon gesprochen hat, dass sich im Laufe der Zeit zwischen beiden "eine für beide Partner bedeutsame Freundschaft" entwickelt habe – nun ja.

Sechzehn war Sophie, als sie den Berufsoffizier in spe im Winter 1937 auf einem Tanzball kennen lernte; er, der Fähnrich Fritz Hartnagel, war vier Jahre und drei Monate älter als sie. Eingeladen hatte sie ihn im Auftrag einer Freundin (Seite 13): "Die Anneliese geniert sich, deshalb schreibt die Sophie (in der Schule). Hiermit schickt Dir die Anneliese eine Einladungskarte. Du kannst doch? Jetzt fehlt aber der Liesl und mir noch ein Mann (kein Ehemann). Wenn Du jemand Nettes kennst, kannst Du ihn von der Anneliese aus gern einladen. Andernfalls würden wir auch ohne Männer auskommen." Besonders die Briefe, die die beiden danach gewechselt haben, machen das Buch so interessant; die meisten der Briefe waren bisher noch nicht bekannt.

Über den weiteren Lebenslauf Sophie Scholls brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Was aber tat Fritz Hartnagel? Nun, er, der Offizier, diente an der Front, so auch in Stalingrad. Aber dort, an der Front, sah er Dinge, die er Sophie recht offenherzig in seinen Briefen mitteilte – möglicherweise ein Grund für sie, sich nicht nur im Wort, sondern letztlich auch in der Tat gegen die Nazis zu äußern. Derweil durchlief Fritz Hartnagel ebenfalls eine Metamorphose, auch er grenzte sich immer weiter von den Nazis ab, wenn er auch, wie er später immer wieder betonte, nie selbst Widerstand leistete.

Diese Entwicklung können wir in den ersten vier Abschnitten des Buches nachlesen, die sich mit der Zeit von 1937 bis 1943 befassen. Die beiden letzten Abschnitte beschreiben Hartnagels Leben nach der Hinrichtung Sophie Scholls. Sie hat ihn wirklich geprägt: In der Bundesrepublik engagierte sich der frühere Offizier in der Friedensbewegung, war bei den Ostermärschen dabei und stand jungen Kriegsdienstverweigerern beratend zur Seite.

Wer sich für die Weiße Rose interessiert, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Nur eins noch zum Schluss: Mit Vorsicht zu genießen ist die Behauptung Vinkes, Sophie Scholl sei schon viel früher in die Taten der Weißen Rose eingebunden gewesen, als bisher bekannt sei. "Die bisherige Annahme", schreibt er auf Seite 101, "dies sei erst in München geschehen, läßt sich wahrscheinlich nicht mehr aufrechterhalten. Sophies Schwester Elisabeth vermutet, daß Hans Scholl seine Schwester schon im Frühjahr 1942 in Ulm eingeweiht habe. Sie schließt dies nicht zuletzt aus dem Ablauf der Ereignisse." Für diese Annahme gibt es allerdings keine wissenschaftliche Grundlage.

04. Mai 05

Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit

Sprache_3 Es ist ja immer so eine Sache, wenn man sich hinsetzt und ein leeres Blatt Papier, eine leere Bildschirmseite oder was auch immer zu füllen sucht. Einfach ist das nie, sollte es nicht sein, da schließlich der, der den Text liest, auch verstehen muss, was der, der den Text geschrieben, denn nun eigentlich gemeint mit dem, was er da eben so leichtfertig in den leeren Raum hineingeschnurpselt hat.

Um uns nun besser verständigen zu können, hat der Mensch die Sprache erfunden. Doch der Gebrauch derselben, der der deutschen zumal, ist nicht immer ganz einfach, das wissen wir alle: All ihrer Fallen und Stricke eingedenk, grenzt es wohl fast schon an ein Wunder, dass es überhaupt noch Texte gibt, die ohne jeden Fehler auskommen. Wenn wir Kritikastern wie Wolf Schneider, Ruprecht Skasa-Weiß oder Bastian Sick glauben dürfen, dann scheint die deutsche Sprache inzwischen vor die Hunde gegangen zu sein. Das ist wohl nicht der Fall, dennoch seien an dieser Stelle wenigstens ein paar kleine, unauffällige Schnitzer genannt: Populär ist ganz sicher der Elativ, den wir in geläufigen Ausdrücken wie "in keinster Weise" oder "zur vollsten Zufriedenheit" finden. Reden wir nicht so seit Jahr und Tag mit großer Selbstverständlichkeit, auch wenn ein volles Glas voller zu füllen gar nicht geht. "Wohlgesonnen" ist uns so mancher eventuell, obwohl immerhin noch kaum einer mit "Gleichgesonnenen" rumhängt. Und wie der korrekte Konjunktiv von "brauchen" heißt, weiß wohl ohnehin nur noch ein Sprachakrobat.

Auch der Publizist Dieter E. Zimmer beschäftigt sich in seinem Buch Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit (Hoffmann und Campe) mit Sprachkritik und Sprachwissenschaft, hinterfragt also, ob wir "gewunken" sagen dürfen oder nicht doch lieber "gewinkt", hinterfragt auch, ob wir Sprachkritik überhaupt benötigen, hinterfragt, ob Robert A. Hall nicht Recht hatte, als er sagte: "Leave Your Language Alone!" ("Lass deine Sprache in Ruhe!", Seite 31), ob also Normen überflüssig, ja, ob nicht gar Wörterbücher und Grammatiken vollkommen nutzlos sind.

Es geht auch um "McDeutsch" (Seite 105), darum also, was gut daran ist, was schlecht, fremde Worte einzuführen in die deutsche Sprache, und darum, wie die "englische Grammatik in die deutsche hineinzuwirken beginnt" (Seite 149). Ein großes Kapitel ist der Rechtschreibreform gewidmet, der "Fehde um die rechtere Schreibung", wie Zimmer sie nennt (Seite 163). Das ist naturgemäß besonders spannend, vor allem deshalb, weil Zimmer nüchtern zu analysieren versteht und nicht im Viereck rumspringt wie ein kleines Kind, dem man den Lolli geklaut hat – so, wie es die Sprachexperten tun, die ihren Senf nicht dazugeben durften zur Reform und deshalb Zetermordio rufen und der Welt wohl am liebsten adieu (oder Adieu?) sagen würden. Zimmer zeigt zwei Dinge auf: Erstens, die Mythen, die sich bei den fundamentalistischen Gegnern der Reform festgesetzt haben ("Das stärkste Argument für die Rechschreibreform liefern immer noch ihre Gegner – durch die Schwäche ihrer aufgeregten Argumente." Seite 163); zweitens, die offensichtlichen Schwächen der Reform (Groß-, Getrennt- und Zusammenschreibung usw.).

Ein Buch für jeden, der sich gerne mit der deutschen Sprache beschäftigt. Sehr empfehlenswert.

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