XXIII. Los Angeles, 1984: Ein Kugelblitz schlägt ein
Was dem einen recht, ist dem andern billig. Diesmal ist die UdSSR mit ihrem Boykott an der Reihe, vierzehn weitere Staaten sagen ihre Teilnahme ebenfalls ab. Das tut der Stimmung in den Stadien nur wenig Abbruch, vielleicht ist man ja auch ganz froh, dass der eine oder andere Favorit zu Hause Däumchen drehen muss.
Carl Lewis ist das alles vollkommen egal, er hätte so oder so gewonnen. Und doch fällt auf, dass die Zuschauer mit jedem Erfolg eher stiller als lauter werden. Was auch immer er anstellt, Lewis kann die Massen einfach nicht für sich begeistern. Man weiß es zwar nicht genau, aber vielleicht stünde der viermalige Goldmedaillengewinner ein wenig höher in der Gunst, wenn er nicht ganz so blasiert auftreten würde.
Wie anders dagegen reagiert das Volk bei seiner Landsfrau Mary Lou Retton, die mit ihrem Gewicht von 42,5 Kilogramm bei einer Größe von 1,42 Meter irgendwie an einen Kugelblitz erinnert. Immerhin, ganz konkurrenzlos geht sie nicht an den Start. Die Rumäninnen sind ja dabei, die könnten ihr gefährlich werden, allen voran Ecatarina Szabo. Doch gegen die Macht der Massen ist auch Szabo machtlos. Denn wie können die Punktrichter objektive Noten verteilen, wenn die Zuschauer bei jedem Auftritt der Retton geradezu in Ekstase geraten? Der Sieg im Achtkampf ist dem Energiebündel jedenfalls nicht zu nehmen, je zwei Silber- und Bronzemedaillen runden ihr Ergebnis ab.
Vier Mann braucht es, um einen Michael Groß zu schlagen. Der 20-jährige Bub aus Frankfurt hätte die deutsche Schwimmstaffel fast alleine zum Erfolg geführt, allein die vier Jungs aus den USA hatten etwas dagegen. Hut ab auch vor der Leistung von Ulrike Meyfahrt, die zwölf Jahre nach ihrem Olympiasieg von München zum zweiten Mal den Hochsprung gewinnt.
XXIV. Seoul, 1988: Der Fall des Ben Johnson
Ein neuer Wundermann tritt auf, ein Kraftmeier, wie es noch keinen zuvor gegeben hat, ein Herkules und Berserker. Ben Johnson hat Muskeln an Stellen, von denen man bisher gar nicht wusste, dass dort überhaupt Muskeln sind. Kann so einer überhaupt laufen? Er kann, und wie: in nur 9,79 Sekunden schießt er über die 100 Meter, Carl Lewis ist klar geschlagen. Der schnellste aller Läufer heißt Ben Johnson. Oder doch nicht? Drei Tage nach Johnsons Sieg wird bekannt, dass er doch etwas mehr geschluckt haben muss als nur seine Vitamintabletten. Und der Welt wird suggeriert, es handele sich um einen Einzelfall. Was aber ist mit Johnsons Pedant auf den Sprintstrecken der Frauen, Florence Griffith-Joyner? Ihre Zeiten über 100 Meter (10,54 Sekunden) und 200 Meter (21,34 Sekunden) sind nicht von dieser Welt, ihre Muskeln wohl auch nicht. Aber ach, nichts Genaues weiß man nicht.
Irgendwie wird inzwischen fast jede Leistung hinterfragt, die der Schwimmerin Kristin Otto zum Beispiel, die bei sechs Starts gleich sechsmal Gold gewinnt. Oder die der Gewichtheber, von denen immerhin zwei, die Bulgaren Mitko Grablev und Angel Guetchev, ihre Goldmedaillen wegen Dopings verlieren. Ums Gold betrogen wird auch ein Boxer, Roy Jones, der im Halbmittelgewicht all seine Gegner dominiert wie kein Zweiter vorher. Im Finalkampf ist's nicht anders, doch auf wunderliche Weise erklären die Kampfrichter den Koreaner Si-Hun Park zum Sieger. Dem neutralen Beobachter steht der Mund ob dieser Entscheidung noch heute staunend offen.
XXV. Barcelona, 1992: Das Dream Team
Früher haben die USA ihre Basketballspiele quasi im Vorbeigehen gewonnen, das ist jetzt nicht mehr der Fall. Also schicken sie diesmal ihre besten Spieler aus der Profiliga NBA zu Olympia. Sie nennen es das "Dream Team", und es wird die einzige Mannschaft bleiben, die diese Bezeichnung verdient. Magic Johnson ist dabei, Larry Bird, Michael Jordan – das Beste vom Besten also. Und so spielen sie auch, die Gegner haben keine Chance, den knappsten Sieg gibt's im Finale, 117:85 gegen Kroatien.
Ein Traum ist auch die Leistung der stillen Ungarin Krisztina Egerszegy, die über beide Rückenstrecken wieder einmal das Maß der Dinge darstellt; und auch über die 400-Meter-Lagen holt die 18-Jährige Gold. Erst vierzehn Lenze zählt die Berlinerin Franziska van Almsick, die nach dem Gewinn von vier Medaillen allenthalben als Wunderkind gefeiert wird.
Ein wenig verwunderlich ist auch die Leistung des Dieter Baumann, der über 5000 Meter allen Afrikanern ein Schnippchen schlägt und als Erster ins Ziel läuft. Aber so etwas kann ja immer mal passieren. Weit weniger überraschend sind die Erfolge der deutschen Kanuten. Angeführt von der 30-Jährigen Birgit Schmidt, die bei ihren dritten Spielen ihre vierte Goldmedaille gewinnt, fahren die Boote des Deutschen Kanuverbandes sechsmal als Erste über die Ziellinie. Von Schmidt wird man noch mehr hören.
(Alle Bilder: IOC)
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